{"id":261,"date":"2013-05-17T19:11:47","date_gmt":"2013-05-17T17:11:47","guid":{"rendered":"http:\/\/seeweg.info\/wordpress\/?page_id=261"},"modified":"2016-05-11T19:21:56","modified_gmt":"2016-05-11T17:21:56","slug":"dr-sven-nommensen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/seeweg.info\/wordpress\/aktuelle-ausstellung\/bernhard-g-lehmann\/texte\/dr-sven-nommensen\/","title":{"rendered":"Dr. Sven Nommensen"},"content":{"rendered":"<p><b>Ahnungsvoll und ungew\u00f6hnlich.<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0Bernhard G. Lehmanns Skulpturen und die Garten-Natur.<\/b><\/p>\n<p>Mit Dante Alighieri und Giovanni Boccaccio bildet Francesco Petrarca (1304-1374) jenes Dreigestirn, das dem italienischen Trecento, dem 14. Jahrhundert, den Ruf einer literarischen Bl\u00fctezeit ingebracht hat. Auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance bildete sich mit dem humanistischen Lebensgef\u00fchl die Idee eines neuzeitlichen Menschen heraus, die Petrarca in besonderer Weise verk\u00f6rpert. Immer wieder wird die Schilderung seines Aufstiegs zum provencalischen Berg Mont Ventoux zitiert, die Petrarca 1336 unternahm. Das Neuartige an dieser Schilderung besteht in der Naturwahrnehmung, die sich von der symbolischen Landschaftserfahrung des Mittelalters abhebt. Hier kommt ein Ich zur Sprache, welches das eigene konkrete Erleben von Raum und Zeit nicht mehr in einem g\u00f6ttlichen Zusammenhang aufgehoben sieht. Einige Interpreten haben diesen Brief deswegen auch als die Geburtsurkunde der modernen Subjektivit\u00e4t gelesen. Dieser humanistischen Leitidee folgend hat der italienische Philosoph Giordano Bruno (1546-1600) den Gedanken der Unendlichkeit des Universums entwickelt. Seine Dialoge \u201d\u00dcber das Unendliche\u201d, die wie alle seine Werke von der Kirche von 1603 bis 1965(!) auf den Index gesetzt wurden (Bruno wurde von der katholischen Inquisition als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt), \u00f6ffnen nicht nur den Blick f\u00fcr die Aufgehobenheit jedes individuellen Lebens in der Prozessualit\u00e4t der Natur, sondern auch f\u00fcr die Ethik eines von unendlichen Leben erf\u00fcllten Raumes: die Akzeptanz aller auf anderen Kontinenten oder auf anderen Welten m\u00f6glichen Kulturen, Lebensweisen und die Achtung aller Arten des Lebendigen. F\u00fcr Bruno ist die in der Natur wirkende Ursache die Weltseele. Was die K\u00fcnstler in G\u00e4rten gestalten, hat aus diesem Grunde f\u00fcr ihn auch viel mit der inneren Realit\u00e4t zu tun. Als \u201einnerer K\u00fcnstler\u201c (Bruno) gestalten sie den Garten von innen heraus zur Vielfalt der Natur. Bewegung, Wachstum und Schwund, Leben, Prozess und Tod ereignen sich als Zu- und Abfluss (influxus und effluxus), als Zusammenballung und Aufl\u00f6sung (agglomeratio und exglomeratio) von Partikeln und Atomen. In den G\u00e4rten der Kunst herrscht eine \u00c4sthetik des nicht-linearen oder atomistischen Spiels vor: Dinge passieren nicht nacheinander wie in einer chronologischen Erz\u00e4hlung, sondern neben- und \u00fcbereinander wie \u00fcberblendete Fotos.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahrhunderten wird der Garten als Lebensraum, als offener Aktionsraum, als All, als Winkel der Welt und als ein Kosmos der Poesie, Poesie des Raumes, Poesie der Pflanzen, Poesie des Lebens aufgefasst und wahrgenommen.<\/p>\n<p>Dem mystischen Naturdichter und Wegbereiter des Umweltschutzes, Henry David Thoreau (1817-1862) ging es um \u201dhome cosmography\u201d. Um die Wunder der Natur zu entdecken, brauche man keine Expeditionen in unerforschte ferne Gegenden zu unternehmen, sondern k\u00f6nne sich mit der Hinwendung an die Fauna und Flora der eigenen Heimat begn\u00fcgen, weil das unermessliche Wunder des ganzen Kosmos in der geringsten Naturerscheinung pr\u00e4sent und erfahrbar sei. F\u00fcr Thoreaus Lehrmeister Ralph Waldo Emerson (1803-1882) war die Natur sogar weitaus mehr als nur eine Welt materieller Erscheinungen. Sie war in erster Linie die \u201dsprachliche\u201d Offenbarung des immateriellen Seinsgrundes, der Allseele.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach dem \u201dGr\u00fcnen Ort\u201d ist vielleicht nichts anderes als eine verlorene Poesie. Ein Poet darf schreiben: \u201dDas Wogen der Hecken \/ Ich hab es in mir.\u201d Man \u201dschreibt einen Garten\u201d, man \u201dliest einen Garten\u201d, die Leser erinnern sich, beginnen an einen Garten in ihrer Kindheit zu denken. Jeder Garten erz\u00e4hlt eine, seine eigene Geschichte. In Gedichten und Kunstwerken ber\u00fchren die K\u00fcnstler den poetischen Grund des Gartens \u2013 und des Selbst. Die Aufforderungen \u201dErkenne dich selbst\u201c und \u201dErkenne die Natur!\u201d stehen f\u00fcr das gleiche Ziel.<\/p>\n<p>Der Garten ist f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst eine Integrationsmacht, was die Wiederherstellung eines Ganzen meint. Soweit zu der magischen Anziehungskraft von G\u00e4rten, den ahnungsvollen und ungew\u00f6hnlichen Orten. Aber eben ein \u201dGarten-Raum\u201d, ein abseits des Tages- und Stra\u00dfenl\u00e4rms versteckter Ort \u2013 ein sch\u00f6ner, aber auf den ersten Blick unscheinbarer Garten, aber wiederum auch ein Kleinod innerhalb einer verbauten, industrialisierten Welt \u2013 G\u00e4rten bringen einen gewissen Eigensinn mit sich, so der Soziologe Peter Arlt. Arlt f\u00fchrt weiter aus: \u201dDiese Orte (die G\u00e4rten) sind nicht g\u00e4nzlich determiniert. Diese Orte haben offene Stellen, wo ein Ahnungsvolles, Ungew\u00f6hnliches durchbricht, das zur harten Wirklichkeit das Gegengewicht h\u00e4lt. Sie lassen Platz f\u00fcr den, der sie ansieht.\u201d (Zitiert nach: Paolo Bianchi: K\u00fcnstlerg\u00e4rtner. Vom spektakul\u00e4ren Ort der Land Art zum gew\u00f6hnlichen Ort der Plant Art. In: Kunstforum International, Bd. 145, Mai-Juni 1999, S.48-58, S. 52)<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler Bernhard G. Lehmann greift das Ahnungsvolle, das Ungew\u00f6hnliche dieses Ortes auf und interpretiert es in k\u00fcnstlerischer Weise. Lehmanns Skulpturen l\u00f6sen diese \u201dinnere Realit\u00e4t\u201d (Bruno) g\u00e4nzlich ein. Seine Skulpturen erm\u00f6glichen eine intensivere Wahrnehmung von Natur, Form und Farbe, generell des Wesens von Natur. Es geht ihm um einen R\u00fcckzug mit Voraussicht, um einen retrovision\u00e4ren Umgang mit der Natur ohne jeden Hang zur idyllischen Verkl\u00e4rung und ohne den Willen, sie als eine Art \u00dcbermacht darzustellen.<\/p>\n<p>Bernhard G. Lehmanns Kunst passt nicht in den globalen Zeittrend ver\u00e4u\u00dferter Intimit\u00e4t und flexibler Menschen \u2013 stattdessen wirkt seine Kunst in ahnungsvollen und ungew\u00f6hnlichen R\u00e4umen \u2013 den G\u00e4rten, in abseitigen kleinen Welten. Und seine Kunst integriert sich in das k\u00fcnstlich-nat\u00fcrliche Umfeld in besonderer Weise, weil die Skulpturen es verm\u00f6gen, die Natur k\u00fcnstlerisch zu erweitern, zu interpretieren und in ein neues Licht zu stellen.<\/p>\n<p>Zuerst sei auf die Material-Strukturen seiner Arbeiten hingewiesen: Sowohl der rote Travertin als auch die Bronze-Arbeiten wie \u201dLimes\u201d, etc. weisen Strukturen auf. Der Bezug zur Natur liegt auf der Hand: allzu bekannt sind uns die strukturierten Oberfl\u00e4chen von Bl\u00e4ttern, Baumrinden oder Gr\u00e4sern. Bruno sprach von der Vielfalt der Natur, von Aspekten wie Bewegung, Wachstum und Schwund, Leben, Prozess und Tod, die sich als Zu- und Abfluss (influxus und effluxus), als Zusammenballung und Aufl\u00f6sung (agglomeratio und exglomeratio) von Partikeln und Atomen ereignen. Natur und Bewegung \u2013 Elemente, die wir unmittelbar in Verbindung bringen. Auch Bernhard G. Lehmanns Arbeiten verschreiben sich der Bewegung. Insbesondere die Objekte mit den langen Stahlstangen (z.B. \u201dTaiga song\u201d, 1993) ahmen das Gras, die Str\u00e4ucher nach, die ja auch Ger\u00e4usche entwickeln. Genau genommen ahmen sie das Vegetarische aber nicht nach, sondern sie finden ihre eigene Formsprache, die eine Ahnung gibt von Bewegungen in der Natur.<\/p>\n<p>Auf andere Weise lassen sich die Arbeiten, wie z.B. \u201dohne Titel\u201d, 1997, mit der Natur vergleichen. Diese Skulptur gibt ihr Bewegungspotential erst \u00fcber einen direkten Ansto\u00df des schwebenden Dreiecks preis, um sich dann wie ein Erzittern \u00fcber die ganze Skulptur auszubreiten. Wie ein Erdbeben, das aus der Tiefe des Erdinneren nach oben strebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber gerade diese Arbeiten, die nicht direkte Verweise liefern, machen Methoden und Prinzipien deutlich, weil man nicht abgelenkt wird durch einen unmittelbaren Vergleich von Kunst und Natur. Bei diesen Arbeiten werden vielmehr Prinzipien deutlich, Prinzipien von waagerechter Bewegung, balancierender Bewegung, harmonischer Bewegung, ruckartigen Bewegungen, starken und schwachen Bewegungen usw. Der K\u00fcnstler macht auf Axiome aufmerksam, die wir in der bewegten Natur oftmals nicht mehr wahrnehmen.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten beschrieb der K\u00fcnstler George Rickey die Bewegungsprinzipien, die seinen, in den 1960er Jahren entstandenen, Skulpturen zugrunde liegen: \u201dObwohl ich die Natur nicht nachahme, bin ich mir \u00c4hnlichkeiten bewusst. Wenn meine Skulpturen manchmal wie Pflanzen oder Wolken oder Wellen des Meeres aussehen, liegt dies daran, dass sie denselben Gesetzen der Bewegung gehorchen und sich denselben mechanischen Prinzipien unterordnen. Periodenhaftigkeit produziert gleiche Bilder im Sand, im Wasser, in einem H\u00fcpfseil und einem Oszilloskop, aber keines davon ist eine Aufzeichnung des anderen.\u201d (Zitiert nach: Manfred Schreckenberger: Skulpturen und Objekte. In: Ingo F. Walther (Hg.): Kunst des 20. Jahrhunderts, K\u00f6ln 2002, S. 403-619, S. 501)<\/p>\n<p>Die weiteren Paradigmen Brunos, wie Wachstum und Schwund, Leben, Prozess und Tod, sind mit dem Faktor Zeitlichkeit verbunden. Und welches Symptom bei Lehmanns Skulpturen verweist besser auf das Vergehen als Rost? Oxidieren als sichtbares Zeichen von chemischer Reaktion zwischen Stahl und Luft gibt Ausschluss \u00fcber Umwandlungsprozesse, \u00fcber Vergehen. Denn Vergehen ist ja nichts anderes als die Modifikation von einem Stofflichkeitszustand in einen anderen.<\/p>\n<p>Ein Vergleich mit einem Schaffens-H\u00f6hepunkt des Dichters, Grafikers, Bildhauers und Objektk\u00fcnstlers Dieter Roth (1930-1998) soll dies verdeutlichen. Im Verlauf der 1990er Jahre entstand das \u201eSchimmelmuseum\u201c in einer ehemaligen Remise im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Das von einem M\u00e4zen zur Verf\u00fcgung gestellte Haus ist von oben bis unten mit eigens und gr\u00f6\u00dftenteils vor Ort entstandenen Arbeiten aus Schokolade, Zucker, M\u00fcll angef\u00fcllt. Im hier extrem fortschreitenden Verfall und im Verwesen offenbart sich ein altes Thema der Kunst als Roths zentrales Anliegen: der Ablauf der Zeit, die Vanitas, Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p>Bernhard G. Lehmann denkt und konzipiert in gr\u00f6\u00dferen Zeitdimensionen. Den Verfall seiner Stahl- Skulpturen wird er nicht mehr erleben. Das Material und seine Eigenschaften spiegeln das Konzept und die Intension wider. In Anbetracht Bernhard G. Lehmanns Skulpturen wird deutlich, dass wir, die Generation unserer Zeitgenossen sowie alle Generationen vor uns, lediglich einen kleinen Ausschnitt des Naturgeschehens, einen Wimpernschlag im Entstehen und Vergehen der Welt und des Universums erleben und erahnen. Dieses unfassbare, die menschlichen Dimensionen \u00fcbersteigende Ph\u00e4nomen thematisieren die Skulpturen Bernhard G. Lehmanns. Sie stellen letztlich die Fragen, die Paul Gauguin Ende des 19. Jahrhunderts auch gestellt hat: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?<\/p>\n<p>Die Sensibilit\u00e4t, mit der Bernhard G. Lehmann vorgeht, zeigt sich darin, dass er das Geheimnisvolle nie offen legt, es immer nur andeutet. Er sorgt daf\u00fcr, dass es latent vorhanden ist, er zielt aber nicht auf \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Die Skulpturen verlangen ein kontinuierliches Herantasten. Dennoch lassen sie sich nie vollst\u00e4ndig entschl\u00fcsseln. Darin unterscheiden sie sich von Werken, die Aufmerksamkeit um jeden Preis verlangen. Spektakul\u00e4re Werke an auff\u00e4lligen Orten erschlie\u00dfen sich jedem sofort, weil sie sofort alles offen legen. Sie wollen \u00fcberraschen und \u201derschlagen\u201d. Bernhard G. Lehmann geht behutsam vor; er kann darauf warten, dass der Suchende seine Kunst findet, sich der Betrachter ihren Sinn erschlie\u00dft. Bernhard G. Lehmann n\u00e4hert sich sensibel der Natur; er versteht die Kunst des Pirschens, um die jahrtausendalten Prinzipien der Natur aufzunehmen und ihr eine artifizielle Sprache zu verleihen.<\/p>\n<p>Ein Zitat von Yoko Ono vermag das Anliegen Bernhard G. Lehmanns zu verdeutlichen: \u201dWenn man etwa in ein Kloster eintritt, betet man jeden Morgen. Man holt aber auch jeden Morgen einen Eimer Wasser und schaut, dass es dem Garten gut geht. Es ist nicht so, dass der M\u00f6nch ein G\u00e4rtner sein m\u00f6chte. Das G\u00e4rtnern geh\u00f6rt zu seinen T\u00e4tigkeiten als M\u00f6nch, jeden Tag etwas sch\u00f6n zu machen, jeden Tag f\u00fcr etwas Sorge zu tragen. Es geht nicht ums G\u00e4rtnern, das G\u00e4rtnern ist nur die Methode. In der Kunst ist es genauso: Sie ist nicht etwas Abgeschlossenes. Kunst \u00f6ffnet die T\u00fcr zum Unendlichen.\u201d (Zitiert nach: Paolo Bianchi: K\u00fcnstlerg\u00e4rtner, S. 53)<\/p>\n<p>Braunschweig im Januar 2006<\/p>\n<p>Dr. Sven Nommensen<\/p>\n<p>ver\u00f6ffentlicht in \u201eKultur in Hamburg\u201c Verlagsges.: Bernhard G. Lehmann, \u201ewalking\u201c ISBN: 3-930727-02-1<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ahnungsvoll und ungew\u00f6hnlich. \u00a0Bernhard G. Lehmanns Skulpturen und die Garten-Natur. Mit Dante Alighieri und Giovanni Boccaccio bildet Francesco Petrarca (1304-1374) jenes Dreigestirn, das dem italienischen Trecento, dem 14. Jahrhundert, den Ruf einer literarischen Bl\u00fctezeit ingebracht hat. 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