{"id":266,"date":"2013-05-17T19:14:21","date_gmt":"2013-05-17T17:14:21","guid":{"rendered":"http:\/\/seeweg.info\/wordpress\/?page_id=266"},"modified":"2013-05-31T16:27:25","modified_gmt":"2013-05-31T14:27:25","slug":"prof-dr-heinz-spielmann","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/seeweg.info\/wordpress\/aktuelle-ausstellung\/bernhard-g-lehmann\/texte\/prof-dr-heinz-spielmann\/","title":{"rendered":"Prof. Dr. Heinz Spielmann"},"content":{"rendered":"<p><b>Raum aus dem Geist der Musik &#8211; Einige subjektive Anmerkungen<br \/>\nzur Arbeit von Bernhard G. Lehmann<\/b><\/p>\n<p>Manche Objekte Bernhard G. Lehmanns bilden eine Struktur, die an Notenbl\u00e4tter erinnert, sie entsprechen jedoch nicht der Ordnung eines obligaten, unbeschriebenen Notenpapiers. Die Zahl der parallelen Dr\u00e4hte wechselt von wenigen \u2013 etwa zwei oder drei \u2013 und nimmt bis zu einer auf den ersten Blick nicht fassbaren Menge zu, sie formen sich zu B\u00f6gen, zu rhythmisch strukturierten Zeilen, sie schwingen, nur an einem Ende fest gehalten, in den freien Raum und klingen in gleichen oder unterschiedlich langen Enden aus. Sie wecken die Vorstellung, T\u00f6ne erzeugen, klingen oder summen zu k\u00f6nnen, sie gleichen einer vom Raum hervorgerufenen Musik. In einigen Zeichnungen des K\u00fcnstlers aus dem Jahr 2001 finden sich \u00e4hnlicher Strukturen wieder; sie tragen kennzeichnenderweise den Titel \u201eMusikalische Wanderung\u201c.<\/p>\n<p>Dass Hans Werner Henze, der den K\u00fcnstler in seinem Rendsburger Atelier besuchte, von dieser Kunst angetan war, erscheint fast als selbstverst\u00e4ndlich, wenn auch nicht als zuf\u00e4llig. Der Maler und Bildhauer hatte, bevor der Komponist ihn um eine Arbeit f\u00fcr seinen Garten bat, den ersten Schritt auf die Begegnung hin getan. Nach dem Lesen von Henzes Lebenserinnerungen \u201eReiselieder mit b\u00f6hmischen Quinten\u201c und nach dem H\u00f6ren einer Sammlung von Henzes Musik, die zu dessen 70. Geburtstag erschien, schenkte er ihm eine Arbeit mit dem Titel\u201c Let\u2019s talk about music\u201c. Die Reaktion darauf erfolgte mit dem Wunsch Henzes, f\u00fcr seinen Garten in der N\u00e4he Roms ein gr\u00f6sseres Werk zu bekommen. Die Entstehung dieser Arbeit dokumentiert eine kleine bibliophile Kostbarkeit; sie beschreibt die Entwicklung der Idee, ihr Konzept und ihre Realisierung mit Worten, die gleichfalls die N\u00e4he zur Musik beschreiben. Da ist von Assoziationen an ein Ballett die Rede, von \u201edrei S\u00e4tzen\u201c, mit denen die drei unabh\u00e4ngig voneinander bestehenden, jedoch als Einheit komponierten Elemente bezeichnet werden. Optisch teilt sich diese Teilung als Ruhe und Statik, aber auch als Bewegung und Dynamik mit, als technisch- artifizielle Form neben und im Leben der durch den Garten geformten Natur. Die d\u00fcnnen, dunklen Zweige des daneben stehenden Baumes antworten auf das Freieste der Pr\u00e4zision<br \/>\nder leuchtenden Stahlsaiten, ihre schwarze Zeichnung korrespondiert mit den hellen Linien der zum Bogen gef\u00fcgten Dr\u00e4hte, und der Himmel \u00fcber der grauen Gartenmauer spiegelt sich in den Metallfl\u00e4chen, mit denen die Dr\u00e4hte gehalten werden.<\/p>\n<p>Musik und bildende Kunst stehen seit langem in einer engen Beziehung zueinander, obwohl sie sich an andere Sinne richten. Gern werden die Theorien Kandinskys, die Experimente des Komponisten und Malers Ciurlionis, auch Goethes Satz von der Architektur als einer Stein gewordenen Musik als Beleg f\u00fcr die Parallelit\u00e4t von Musik und Bildender Kunst zitiert.<\/p>\n<p>Doch die Quellen f\u00fcr solche Idee reichen ungleich weiter zur\u00fcck, etwa zur Proportionslehre, in der die K\u00fcnstler der Renaissance den \u00e4sthetischen Masstab schlechthin sahen. Diese Lehre \u00fcbertrug die Stufen der Tonleiter auf die harmonischen Proportionen von R\u00e4umen, Figuren und Bildgliederung. Der Architekt Leone Battista Alberti sprach, als er, auf Ficinos Kommentar zu Platos \u201eTimaios\u201c gest\u00fctzt, seine drei Grund-Proportionen beschrieb, von der \u201emusikalischen\u201c Proportion als der harmonischsten. Sein Urteil griff jedoch nur auf, was er von Plato, Plato von den Pythagor\u00e4ern wusste, diese vermutlich von den indischen Brahmanen erfahren hatten. Von ihnen \u00fcbernahmen auch Buddha und die Verfasser seiner Sutren die Vorstellung von der Weltordnung in der Harmonie der Sph\u00e4ren \u2013 deren graphische Darstellung, die wir auf den Lotosbl\u00e4ttern des grossen Buddhas in Nara finden, zeigt dieselben parallelen Linienb\u00f6gen wie die gebogenen Dr\u00e4hte der Plastik in Hans Werner Henzes Garten. Zu diesen Jahrtausende und Kontinente \u00fcberbr\u00fcckenden Gemeinsamkeiten musikalischer und bildnerischer \u00dcberlieferungen passt es, dass Bernhard G. Lehmann zum Ehrenmitglied des K\u00fcnstlerbunds von Aserbeidschan gew\u00e4hlt wurde, einem Land am Rand der Seidenstrasse, an der entlang die Lehren der Brahmanen nach Westen und Osten gelangten. Was uns an Bernhard G. Lehmanns Gebilden aus Stahl so neu und modern erscheint, hat ein tragf\u00e4higes Fundament, wenn dies auch weder dem Bildhauer noch dem Komponisten bewusst sein mag. Ist es das bewusst vor Augen oder Ohren Gestellte, das Kunst ihre Bedeutung gibt, oder das als selbstverst\u00e4ndlich sich mitteilende Erbe?<\/p>\n<p>Hamburg, im Januar 2006.<br \/>\nProf. Dr. Heinz Spielmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raum aus dem Geist der Musik &#8211; Einige subjektive Anmerkungen zur Arbeit von Bernhard G. Lehmann Manche Objekte Bernhard G. Lehmanns bilden eine Struktur, die an Notenbl\u00e4tter erinnert, sie entsprechen jedoch nicht der Ordnung eines obligaten, unbeschriebenen Notenpapiers. 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